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	<title>What&#039;s Next? Blog &#187; Politik</title>
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	<description>A MATTER OF FACT IN A WORLD OF VALUES</description>
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		<title>Rechts, Links, Mitte &#8211; Raus! Vom politischen Wagnis der Partizipation</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2009 16:47:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike reinhard</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Partizipation]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Interview mit Prof. Kruse anlaesslich der Reboot_D &#8211; Digitale Demokratie Veranstaltung im September 2009 in Berlin. Das komplette Interview finden sie auch im gleichnamigen Buch, das dieser Tage erscheint.
Rechts, Links, Mitte &#8211; Raus! Vom politischen Wagnis der Partizipation 	
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Interview mit Prof. Kruse anlaesslich der <a href="http://www.reboot-d.de/doku.php">Reboot_D &#8211; Digitale Demokratie Veranstaltung</a> im September 2009 in Berlin. Das komplette Interview finden sie auch im <a href="http://www.scribd.com/doc/22327279/Reboot-D-Digitale-Demokratie-Alles-auf-Anfang">gleichnamigen Buch</a>, das dieser Tage erscheint.</p>
<p><a title="View Rechts, Links, Mitte - Raus! Vom politischen Wagnis der Partizipation on Scribd" href="http://www.scribd.com/doc/22289424/Rechts-Links-Mitte-Raus-Vom-politischen-Wagnis-der-Partizipation" style="margin: 12px auto 6px auto; font-family: Helvetica,Arial,Sans-serif; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: 14px; line-height: normal; font-size-adjust: none; font-stretch: normal; -x-system-font: none; display: block; text-decoration: underline;">Rechts, Links, Mitte &#8211; Raus! Vom politischen Wagnis der Partizipation</a> <object codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=9,0,0,0" id="doc_638762676503763" name="doc_638762676503763" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" align="middle"	height="500" width="100%" ><param name="movie"	value="http://d1.scribdassets.com/ScribdViewer.swf?document_id=22289424&#038;access_key=key-2lfuclmqowh4n9dvoilg&#038;page=1&#038;version=1&#038;viewMode=book"><param name="quality" value="high"><param name="play" value="true"><param name="loop" value="true"><param name="scale" value="showall"><param name="wmode" value="opaque"><param name="devicefont" value="false"><param name="bgcolor" value="#ffffff"><param name="menu" value="true"><param name="allowFullScreen" value="true"><param name="allowScriptAccess" value="always"><param name="salign" value=""><param name="mode" value="book"><embed src="http://d1.scribdassets.com/ScribdViewer.swf?document_id=22289424&#038;access_key=key-2lfuclmqowh4n9dvoilg&#038;page=1&#038;version=1&#038;viewMode=book" quality="high" pluginspage="http://www.macromedia.com/go/getflashplayer" play="true" loop="true" scale="showall" wmode="opaque" devicefont="false" bgcolor="#ffffff" name="doc_638762676503763_object" menu="true" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" salign="" type="application/x-shockwave-flash" align="middle" mode="book" height="500" width="100%"></embed></object>	</p>
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		<title>Wertewandel in der Gesellschaft und seine Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Lebenswelt</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 17:39:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike reinhard</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
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		<category><![CDATA[Wertewandel]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Interview mit Prof. Kruse führte Christoph Kramer für die Freie Welt.
FreieWelt.net: Professor Kruse, Sie haben im Rahmen einer Studie für das &#8220;Forum demographischer Wandel&#8221; des Bundespräsidenten einen Wertewandel in der Gesellschaft hin zu mehr gemeinschaftlicher Sinnstiftung festgestellt. Wie müssen wir uns diesen Wandel der Wertewelten vorstellen?
Prof. Peter Kruse: Mit dem von uns in den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Interview mit Prof. Kruse führte Christoph Kramer für die <a href="http://www.freiewelt.net/nachricht-1480/exklusiv-interview-mit-prof.-peter-kruse.html">Freie Welt</a>.</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Professor Kruse, Sie haben im Rahmen einer Studie für das &#8220;Forum demographischer Wandel&#8221; des Bundespräsidenten einen Wertewandel in der Gesellschaft hin zu mehr gemeinschaftlicher Sinnstiftung festgestellt. Wie müssen wir uns diesen Wandel der Wertewelten vorstellen?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Mit dem von uns in den letzen 15 Jahren entwickelten Interviewverfahren nextexpertizer sind wir in der Lage, die unbewussten emotionalen Präferenzen größerer Menschengruppen weitgehend ohne bewusste Verzerrungen zu erheben und zu einer Art &#8220;Computertomographie kultureller Bewertungen&#8221; zu verdichten. Bei der Studie für das Forum demographischer Wandel haben wir Bundesbürger einschätzen lassen, wie sie die Entwicklung in Deutschland seit der Nachkriegszeit sehen. Das intuitiv erzeugte Bild ist verblüffend prägnant und einheitlich. Beginnend mit den 80er Jahren und verstärkt in den 90ern bis heute diagnostizieren alle Interviewpartner einen dramatischen Werteverfall. In einer mehrere Jahrzehnte langen Abwärtsbewegung wurde kulturelle Reichhaltigkeit systematisch zugunsten gesteigerter Effizienz und kurzfristiger Rendite abgebaut. In den intuitiv gegebenen Einschätzungen wird das Bild einer Gesellschaft entworfen, die es in einer eigentümlichen Mischung aus Leistungsorientierung und Partylaune versäumt hat, die zur Absicherung der Grundlagen des eigenen Wohlstandes notwendigen nachhaltigen Aufbauprozesse angemessen zu fördern. So hat die Discount-Philosophie einerseits Konsumwelten entstehen lassen, in denen alles gut, günstig und bequem zugänglich ist. Anderseits ist den Menschen aber inzwischen offenkundig sehr klar, dass immer irgendjemand die Zeche zahlt, wenn &#8220;billig&#8221; zum zentralen Maßstab erhoben wird. Obwohl die Interviewpartner selbst Teilhaber der Segnungen der Spaßgesellschaft waren, sind sie übereinstimmend der Überzeugung, dass der Bogen überspannt worden ist. <span id="more-75"></span></p>
<p><em>FreieWelt.net: </em> Wenn sie den Spaß nicht mehr wollen, was wollen die Menschen dann?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Die Menschen suchen verstärkt nach Sinn. Die schnelle Befriedigung über Hypes und Massenangebote lehnen sie mit wachsender Klarheit ab. Auch, wenn es sich im Verhalten der Menschen noch teilweise anders darstellt, die Fast-Food-Mentalität hat ihren Zenit überschritten. Strategien, die wie &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; darauf aus sind, mit aller Macht noch das letzte Tröpfchen Kreativität und Besonderheit aus einer verarmenden Kultur zu pressen, ohne sich um die Förderung der dringend erforderlichen Aufbauprozesse zu kümmern, werden mit immer größerer Skepsis verfolgt. Langsam wächst eine ernst zu nehmende Verweigerungshaltung gegenüber einer Verwertungsindustrie, die Profitabilität klar über Innovation und Nachhaltigkeit stellt. Wir haben in den letzten Jahren viele tausend Interviews in verschiedenen Marktsegmenten und gesellschaftlichen Aufgabenfeldern durchgeführt. Das entstandene Gesamt-Szenario ist erschlagend eindeutig: Es läuft gegenwärtig ein grundlegender Turnaround in den Köpfen der Menschen ab. Statt um &#8220;gut, günstig und bequem&#8221; geht es um &#8220;sinnvoll, nachhaltig und innovativ&#8221;. Im Mittelpunkt steht nicht Spaß, sondern Glück. Spaß ist das Vergnügen, etwas leicht und ohne eigenen Aufwand genießen zu können. Glück ist die Freude, etwas mit persönlichem Einsatz erreicht zu haben. Glück ist Ergebnis von Anstrengung und kulturellem Aufbau. Glück ist eine Überwindungsprämie, wie mein Freund und Kollege Jens Corssen treffen formuliert. Nach Jahren des genüsslichen &#8220;Bergab&#8221; sehnt man sich nach dem anstrengenden aber befriedigenden &#8220;Bergauf&#8221;.</p>
<p><em>FreieWelt.net: </em>&#8220;Wer das Glück sucht, findet die Familie&#8221; hat Paul Kirchhoff einmal gesagt. Ist mit dem Wertewandel auch eine Rückwendung zur Familie und zu Kindern verbunden?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Die Situation ist ein bisschen komplexer. Ja, es gibt eine Rückbesinnung auf die Bedeutung überschaubarer sozialer Einheiten und auf die Notwendigkeit direkter zwischenmenschlicher Fürsorge und Solidarität. Ja, es gibt eine Renaissance des &#8220;Wir&#8221; nach einer Zeit der Überbetonung des &#8220;Ich&#8221;. Aber dieser Trend zahlt keineswegs unmittelbar auf die Attraktivität von Familie und Kinderwunsch ein. Sollte die Politik darauf hoffen, dass sich das Demographieproblem in Deutschland im Zuge des skizzierten Umschwunges in den Wertepräferenzen gleich mit erledigt, so dürfte sich dies als trügerischer erweisen. Die Ergebnisse der von uns im Auftrag von Bundespräsident Köhler durchgeführten Interviews belegen eine Ambivalenz der Elternrolle, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben hat. Zwar wird der Kontext &#8220;Kind und Familie&#8221; als Quelle alltäglicher Sinnstiftung akzeptiert, aber der erlebte Mangel an sozialer Anerkennung und Unterstützung macht Kinder in der Perspektive der Menschen zum ernst zu nehmenden Gefährdungspotential für den eigenen sozialen Status. Die Perspektive lässt sich zu folgendem Widerspruch verdichten: Kinder zu haben, ist ein Risiko für den Wohlstand der Eltern. Keine Kinder zu haben, ist ein Risiko für den Wohlstand der Gesellschaft. Die weitgehende Koppelung von Wertschätzung an Erwerbsarbeit und Renditebeitrag schädigt den Nährboden für Kreativität. Ein Sozialwesen, in dem die Würdigung von Fürsorglichkeit nur noch in Festtagsreden und wohlmeinenden Appellen stattfindet, gefährdet langfristig seine Kraft zur Erneuerung. </p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Unsere wichtigste Ressource ist die Kreativität, der vielbeschworene kreative Nachwuchs, der beispielsweise erfinden soll, wie die Mobilität der Zukunft aussieht. Wie lässt sich dieses Potential sichern?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Auch diesbezüglich ist die Situation alles andere als trivial. Jugend allein ist kein Garant mehr für Kreativität und Erneuerungskraft. Durch die extreme Steigerung der Vernetzungsdichte in der Welt haben wir die Komplexität und Veränderungsdynamik in einem Umfang gesteigert, der es immer unwahrscheinlicher macht, dass die Intelligenz einzelner Menschen, ganz gleich ob jung oder alt, hinreicht, um angemessene Lösungen für die anstehenden Probleme zu finden. Die Schere zwischen dem möglichen Kenntnisstand des Einzelnen und den Erfordernissen der Schaffung hinreichender Entscheidungsgrundlagen geht immer weiter auseinander</p>
<p>In Wirtschaft und Politik wird deutlich, dass wir an die Grenzen individueller Intelligenzleistung stoßen. Die Finanzkrise ist in wesentlichen Aspekten eine Krise der Entscheidungsträger. Jon Danielsson von der London School of Economics bringt es auf den Punkt: &#8220;It used to be that banks became insolvent because their loans went sour. Now it is the complexity of assets that lets them down…Banks simply became too sophisticated for their own good.&#8221; Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Systemtheoretiker William Ross Ashby darauf hingewiesen, dass die Zahl der möglichen Zustände in einem Kontrollsystem immer größer sein muss als die Zahl der möglichen Zustände im zu kontrollierenden System. Dieses als Ashby`s Law bezeichnete Prinzip gegengleicher Komplexität macht deutlich, dass wir in einer vernetzten Welt nur als Netzwerk angemessen handlungsfähig sein und bleiben können. Neben die Notwendigkeit der Verjüngung der Gesellschaft tritt gleichberechtigt die Notwendigkeit des Übergangs von der individuellen zur kollektiven Intelligenz.</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Und der Umgang mit Netzwerken ist ohne Zweifel eine Domäne der jungen Generation. Haben wir es dann mit einer weiteren Verschärfung des Generationenkonfliktes zu tun?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Tatsächlich entsteht gerade ein durchaus interessantes Spannungsverhältnis zwischen den etablierten Machtinstanzen der Gesellschaft und den jungen Menschen, die mit den neuen Möglichkeiten der kommunikativen Vernetzung groß geworden sind. Die derzeit heftig diskutierte Unterscheidung zwischen &#8220;Digital Natives&#8221; und &#8220;Digital Immigrants&#8221; ist weit mehr als eine weitere modische Kategorisierung aus der Feder rühriger Trendforscher. Die Sozialisationskraft des Web2.0 kann kaum überschätzt werden. Wer seine Kindheit in online-Communities verbringt, wer sich über Youtube das Fernsehprogramm selbst zusammen stellt, wer den Zugang zu Informationen für selbstverständlich hält, wer jede Augenblicksidee in die Welt twittert und seine Gefühle über Emotikons zum Ausdruck bringt, entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit Einstellungen und Handlungsstrategien, die hinreichend anders sind, um die bestehenden Systeme gehörig auf zu mischen. Im Spiegel online vom 25.6.2009 liest sich der Schlachtruf der Digital Natives bereits recht eindeutig: &#8220;Sie werden sich wünschen, wir wären Politik verdrossen.&#8221; Angesichts der Möglichkeiten zur Partizipation und Einflussnahme, die sich mit den neuen Medien eröffnen, und angesichts der Fähigkeit der jungen Generation, sich diese Möglichkeiten zu nutze zu machen, dürfte die noch vorherrschende Vorstellung gesellschaftlicher Machtausübung heftig unter Druck geraten. Politik und Wirtschaft stehen vor einem Erdbeben</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Was bedeutet &#8220;Erdbeben&#8221; in diesem Zusammenhang?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Die verändernde Kraft der Netzwerke ist nicht auf die klassischen Wirkwege von Karriere, Parteiarbeit oder Lobbyismus angewiesen. Im Netz können sich selbst scheinbar randständige Aktivitäten in kürzester Zeit zu mächtigen Bewegungen aufschaukeln, wenn sie auf Resonanz stoßen. Solche Aufschaukelungseffekte entstehen spontan und sind letztlich nicht steuerbar. Die klassischen Kommunikationswerkzeuge bleiben weitgehend wirkungslos. Wenn wie jüngst im Iran ein sterbendes Mädchen dem Protest gegen das Regime ein Gesicht gibt und weltweit Sympathien auslöst, dann können selbst scheinbar unangreifbare Machtapparate unvermittelt unter Druck geraten. Aber weit mehr als die prinzipielle Möglichkeit derartiger Aufschaukelungseffekte bildet der wachsende Wunsch nach direkter politischer Einflussnahme das eigentliche Epizentrum des Erdbebens. Unsere Interviewergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen heute tatsächlich keineswegs Politik verdrossen sind. Kritisiert werden nicht politische Themen oder Aktivitäten, sondern die bestehenden Mechanismen politischer Beteiligung. Ich denke es ist nicht zu gewagt, zu prognostizieren, dass die Politik sich in absehbarer Zeit mit der Formierung politischer Kräfte konfrontiert sehen wird, die themenspezifisch durchaus größere Wählermassen bewegen können, ohne sich der klassischen Mobilisierungswege einer Protestbewegung bedienen zu müssen. Es ist heute nicht mehr notwendig, auf die Straße zu gehen, um eine kritische Masse zu erreichen. Vielleicht werden auf den neuen Wegen der Partizipation sogar Mehrheiten möglich, die sich nicht mehr wie bisher aus den Wertemustern der gesellschaftlichen Mitte speisen.</p>
<p><em>FreieWelt.net: </em>Auch in Deutschland? Sie haben einmal gesagt, es gibt eigentlich die alte gesellschaftliche &#8220;Mitte&#8221; nicht mehr. Die ist abgeschmolzen zugunsten hoch differenzierter Wertepräferenzen. Aber die großen Parteien berufen sich im Wahlkampf nach wie vor auf diese Mitte und versuchen dort Wählerstimmen zu bekommen.</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Die Idee einer rein quantitativ dominierenden gesellschaftlichen Mitte finden wir tatsächlich in unseren Untersuchungen durchgängig nicht mehr bestätigt. Es scheint so zu sein, dass sich die Menschen mit ihren Wertepräferenzen viel stärker an Situationen orientieren, als dies früher der Fall gewesen ist. Eine Person, die sich beim Autokauf eher konservativ verhält, überrascht die Marktforscher damit, dass sie sich im Urlaub für ein avantgardistisch experimentelles Angebot entscheidet. In der Politik schmelzen die klassischen Stammwähler-Populationen immer mehr ab und Wahlentscheidungen werden zunehmend kurzfristig getroffen. Um erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr, sich auf die Meinung der Masse zu konzentrieren, weil es die Masse als einheitliches Resonanzmuster nicht mehr gibt. Insbesondere die Musikindustrie hat dies schmerzlich erfahren. Die alten Rezepte, wie man Verkaufszahlen nach oben treibt, funktionieren ebenso immer weniger, wie die alten Rezepte, die Wählergunst zu gewinnen. Alle Anbieter ob in Wirtschaft oder Politik müssen ihre Strategien überdenken und sich intensiver auf ihre Mitspieler einlassen. Bereits das 1999 erschienene Cluetrain Manifest hat die Unternehmen darauf aufmerksam gemacht, dass Märkte in Zeiten des Internets zu Gesprächen werden und die Macht zunehmend zum Kunden wechselt. Es ist wohl an der Zeit, die Politik darauf aufmerksam zu machen, dass im Zeitalter von Web.2.0  die taktische Machtausübung kleiner und eine ehrliche Bürgerbeteiligung größer zu schreiben ist. Demokratie braucht mehr Partizipation, sonst gehen ihr die Wähler verloren. Das Motto, das Horst Köhler für seine neue Amtsperiode gewählt hat, ist programmatisch: &#8220;Demokratie sind wir alle&#8221;. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die Politik ihr Ohr generell wieder stärker an den Herzen der Menschen hat. Die Intuition und das Einfühlungsvermögen von Politikern mit einer „Nase fürs Volk“ reichen heute allerdings nicht mehr aus und angesichts der weg brechenden Mitte sind statistische Erhebungsverfahren ein immer schlechterer Ratgeber. Die Sonntagsfrage als Orientierungshilfe hat ausgedient. Benötigt werden Verfahren, die einen schnellen und strukturierten Zugang zu den differenzierten Wertewelten der Menschen ermöglichen. Wenn es nicht gelingt, neue Wahrnehmungsorgane zu etablieren, bleibt der Politik nur die Resonanztestung über Versuch und Irrtum. Das wünsche ich uns nicht.</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Wie macht man die Politik wieder sehend?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse: </em>Das herauszufinden bleibt Aufgabe der Politik. Aber wir können in diesem Zusammenhang vielleicht mit dem in unserem Bremer Methoden- und Beratungsunternehmen nextpractice entwickelten Interviewverfahren nextexpertizer einen kleinen Beitrag leisten. Entstanden ist das Verfahren eigentlich als Instrument zur Analyse und zum Controlling kultureller Veränderungsprozesse in Unternehmen. Die Messung weicher Faktoren ist ein methodisches Problem, das sich weder mit Fragebögen noch mit qualitativen Interviews zufriedenstellend lösen lässt. Fragebögen erfassen nur die bewusst repräsentierten Einstellungen und Meinungen von Auskunftspersonen. Intuitive und emotionale Bewertungen bleiben nahezu völlig unberücksichtigt. Qualitative Interviews dringen zwar auf die Ebene der weichen Faktoren vor, erlauben jedoch nur sehr bedingt eine mathematisch statistische Bearbeitung von Erhebungsergebnissen und sind daher zur Ermittlung übergreifender kultureller Präferenzmuster weitgehend ungeeignet. Das Interviewverfahren nextexpertizer verbindet die Quantifizierbarkeit von Fragebögen mit der inhaltlichen Aussagekraft qualitativer Interviews. Wie schon eingangs erwähnt, wird es mit dem Verfahren möglich, in einer Art &#8220;Computertomographie kultureller Bewertungen&#8221; die geeinschaftlichen Präferenzmuster, oder wie wir es gerne bezeichnen, die kollektive Intuition von Gruppen sichtbar zu machen. Nach dem wir das Verfahren zuerst über 10 Jahre lang erfolgreich bei der Erfassung von Unternehmenskulturen eingesetzt haben, fand es in den letzten fünf Jahren darüber hinaus zunehmend Anwendung in der Markt- und Trendforschung. Dadurch, dass im Verfahren so gut wie keine sprachlichen Vorgaben gemacht werden und die Befragten alles mit ihren eigen Worten beschreiben können, hat sich nextexpertizer insbesondere auch im Kontext internationaler kulturübergreifender Vergleichsstudien bewährt. Eine Übertragung auf politische Fragestellungen lag nahe. Wir sind angesichts der bisherigen Erfahrungen sehr optimistisch, dass es mit nextexpertizer möglich ist, die Entwicklung gesellschaftlicher Wertewelten für politische Entscheidungsfindungs- und gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse in einer Form aufzubereiten, die Komplexität reduziert, ohne zu trivialisieren. Allerdings hilft auch kein noch so gutes Werkzeug, wenn es den Entscheidungsträger in der Politik an der erforderlichen Neugier fehlt und die Idee der Bürgerbeteiligung nicht wesentlich über den Status einer Feigenblatt- oder Alibifunktion hinauskommt. Partizipation wird im politischen Diskurs noch zu häufig mit dem Begriff &#8220;Schwarmintelligenz&#8221; denunziert, als dass man davon ausgehen kann, dass die Idee der &#8220;dummen und manipulierbaren Masse&#8221;  bereits nachhaltig aus den Köpfen verschwunden ist. Nur wer wirklich vom Mehrwert der Beteiligung überzeugt ist, interessiert sich für Erkenntnisse, die sich aus der Analyse kollektiver Intuition oder aus einer intelligenten Vernetzung ergeben. Ohne eine Neudefinition demokratischer Machtausübung und einer entsprechenden Änderung in den Wertesystemen der Politiker wird die Praxis noch lange hinter den Möglichkeiten zurück bleiben.</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Welche Partei macht es denn derzeit am besten? Wer ist am nächsten dran?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Mit dem überraschenden Auftreten und Abschneiden der Piratenpartei bei der Wahl zum Europaparlament in Schweden ist wohl auch dem Letzten klar geworden, dass das Thema der neuen Medien auf die eine oder andere Art politische Brisanz entfalten wird. Aber so richtig nah dran bei der Übertragung auf das eigene Handeln ist noch nicht mal die Piraten-Partei selbst. Ich warte immer noch auf den ersten Parteitag, der sich auf das Experiment einer unkontrollierten Netzwerkdynamik einlässt. Die Techniken für eine computergestützte Großgruppenmoderation sind ja längst vorhanden und in der Wirtschaft hundertfach erprobt. Aber welche Parteiführung lässt sich schon gerne absichtlich und bei vollem Bewusstsein darauf ein, von der eigenen Basis überrascht zu werden. Solange in den inneren Abläufen der Parteien noch Vorabsprachen und geschicktes Taktieren die Szene bestimmen, brauchen wir uns darüber, wer bei dem Versuch vorne liegt, die Potentiale offener Bürgerbeteiligung optimal auszuschöpfen, wohl eher nicht zu unterhalten. Solange die Assoziation zwischen Politik und taktischem Machterhalt dominant genug bleibt, um sprichwörtlich zu sein, werden sich Politiker darauf beschränken, über Twitter zu zeigen, dass sie stets auf der Höhe der Zeit und ganz schön hipp sind, sie werden verzweifelt auf die Suche nach einem Digital Native gehen, der ihren Wahlkampf so viral macht wie bei Obama und sie werden ihre PR-Berater dazu auffordern, das Netz zu beobachten und gegebenenfalls zu bloggen und zu chatten was das Zeug hält, um Imagemängel frühzeitig auszubessern. Verstehen, was Macht im Netzwerk wirklich bedeutet, werden sie nicht.</p>
<p><em>FreieWelt.net:</em> Wo wird in der Zukunft die Macht liegen?</p>
<p><em>Prof. Peter Kruse:</em> Auch wenn es jetzt vielleicht ein wenig rührselig klingt, mächtig ist im Netzwerk nur wer authentisch ist, sich verletzlich macht und möglichst wenig mit dem Gedanken spielt, das Schicksal zwingen zu wollen. Denn nicht der Anbieter bestimmt im Netzwerk, ob er für eine gewisse Zeit zum vielgesuchten Knotenpunkt wird, sondern die unkontrollierte und unkontrollierbare Masse der Nachfrager. Wer etwas anbietet, das einen Nerv trifft, das attraktiv ist, der kann über Nacht zum Mittelpunkt der Welt werden. Wer aber glaubt, er kann das Netzwerk austricksen und gezielt manipulieren, wird sich mittel- bis langfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit wundern, wie viel Budget man wirkungslos versenken und wie dauerhaft man seine Reputation verlieren kann. Die Magie des Netzwerkes heißt Resonanzbildung. Wem es gelingt, diese Magie in Gang zu setzen, dem stehen einerseits enorme Kräfte zur Seite, der läuft aber andererseits auch immer Gefahr, wie der Zauberlehrling von den Ergebnissen des eigenen Handels überrollt zu werden. Beispiele hiefür hat das Netzwerk bereits zur Genüge hervorgebracht und es werden täglich neue Geschichten auf dem schmalen Grad zwischen Lust und Leid hinzugefügt. Wie fühlt man sich, wenn man seinen Liebeskummer mit ein paar Freunden ertränken will und dann plötzlich zig tausend Partygäste Sylt verwüsten? Wie fühlt man sich, wenn man sich mir 46 Jahren zum ersten Mal singend vor eine Kamera traut und binnen einer Woche zu einer der bekanntesten Frauen der Welt wird? Wenn die Resonanz da ist, weis jeder, wie es dazu kam. Nichts ist leichter als die retrospektive Analyse. Aber welche Resonanz entsteht morgen? Wann und warum wird das nächste Phänomen die Schwelle zur Selbstaufschaukelung überschreiten? Die zentrale Frage in einer vernetzten Welt, die uns alle mehr oder weniger ratlos und mit kindlicher Neugier hinterlässt, lautet schlicht und einfach: What`s next? </p>
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		<title>Was ist, wenn Wahl ist – und keiner kommt?</title>
		<link>http://blog.whatsnext.de/2009/09/hallo-welt/</link>
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		<pubDate>Mon, 07 Sep 2009 14:23:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike reinhard</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Gespräch für Uptown führte Astrid Hackenesch-Rump, September 2009

Herr Kruse, Sie haben vor kurzem die Wertevorstellungen der Deutschen erforscht. Wie tickt dieses Land?
Peter Kruse: Das Land befindet sich mitten in einem Turnaround seiner Wertemuster. Die Menschen waren jahrelang zu stark auf persönlichen Spaß und Maximierung ihrer eigenen Möglichkeiten bedacht; alles sollte gut, günstig und bequem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Gespräch für <a href="http://www.uptown-online.de/interviews/archiv/2009/09/was-ist-wenn-wahl-ist-und-keiner-kommt/" target="_blank">Uptown</a> führte Astrid Hackenesch-Rump, September 2009</p>
<p><img src="http://blog.whatsnext.de/wp-content/uploads/2009/09/2009_09_Kruse_01.jpg" alt="2009_09_Kruse_01" title="2009_09_Kruse_01" width="450" height="189" class="alignleft size-full wp-image-40" /></p>
<p><em>Herr Kruse, Sie haben vor kurzem die Wertevorstellungen der Deutschen erforscht. Wie tickt dieses Land?</em></p>
<p><strong>Peter Kruse:</strong> Das Land befindet sich mitten in einem Turnaround seiner Wertemuster. Die Menschen waren jahrelang zu stark auf persönlichen Spaß und Maximierung ihrer eigenen Möglichkeiten bedacht; alles sollte gut, günstig und bequem sein. Jetzt merken sie,  dass diese Tendenz begonnen hat, sich gegen sie zu wenden, da die sich breit machende Discount-Mentalität letztendlich dazu geführt hat, die Reichhaltigkeit der Kultur zu verringern. Alles scheint trivialer und gleichförmiger geworden zu sein. Der Eindruck eines zunehmenden Substanzverlustes drängt sich auf.<span id="more-1"></span></p>
<p><em>Das klingt nach der alten Klage „früher war alles besser“.</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Sicher, so kann man das interpretieren. Aber es ist zu kurz gegriffen, aus einer aktuellen Problemwahrnehmung zu schließen, dass die Menschen glauben, dass früher alles besser war. Darum geht es hier auch gar nicht. Die Menschen empfinden einfach die Notwendigkeit, dem kontinuierlichen Kulturabbau der vergangenen Jahre einen bewussten kulturellen Aufbauprozess entgegenzusetzen. Es entsteht so etwas wie eine langsam anwachsende Aufbruchstimmung. Und zwar eine sehr kritische, reflektierte Aufbruchstimmung, die sich deutlich von der unter dem Motto „Yes we can“ stehenden Hurra-Stimmung in den USA unterscheidet.</p>
<p><em>Schon allein, weil uns dazu das Personal fehlt.</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Ja, und zwar nicht nur das Personal, das charismatisch auf dem Podium steht und mitreißt, sondern auch das Personal, das unten steht und sich unkompliziert entflammen lässt. Derartig einfach gestrickte emotionale Resonanzen funktionieren hier nicht. Der Begeisterungsfaktor muss in Deutschland sehr viel differenzierter sein als in den USA. Aber es gibt bei uns offenkundig ein wachsendes Bedürfnis, sich auf eine neue, direktere Art zu beteiligen und über die Pflichten als Wähler hinaus Verantwortung zu übernehmen. Es geht den Menschen um aktive Zukunftsgestaltung. Wenn die Politik in der Lage wäre, diese keimende Resonanzbereitschaft der Bevölkerung angemessen aufzugreifen, einfach etwas genauer hinzuschauen und zuzuhören, könnten wir schon sehr viel bewegen.</p>
<p><em>Gibt es jemanden, der das derzeit gut macht?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse: </strong>Als Frank-Walter Steinmeier seinen Deutschland-Plan der Öffentlichkeit vorstellte, war ich in Berlin dabei. Er hat wenigstens versucht, so etwas wie eine Vision zu skizzieren und nach vorne zu schauen, um zu sagen: „Mensch Leute, wir haben schon einmal ein Wirtschaftswunder zustande gebracht. Wer sagt eigentlich, dass alles nur schlechter wird?“ Doch hierzulande – und da sind wir wieder beim großen Unterschied zwischen Deutschland und Amerika – wird jemand, der einen großen Spannungsbogen zwischen Wunsch und Wirklichkeit aufspannt, in den Medien schnell als Fantast gebrandmarkt. Das ist eine typisch deutsche Reaktion: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Eine Vision ist kein Ziel. Visionen sollte man nicht daran messen, ob sie aus aktueller Sicht erreichbar erscheinen, sondern daran, ob sie faszinierend genug sind, um sich heute auf den Weg zu machen.</p>
<p><em>Ist die Finanzkrise vielleicht eine Art Katalysator für diese Aufbruchstimmung, für das Bewusstsein, dass sich etwas grundsätzlich ändern muss?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse: </strong>Auch ohne die Wirtschaftskrise hätte der sich abzeichnende Wandel in den Werten und Einstellungen der Menschen wahrscheinlich begonnen – aber vermutlich hätte er nicht die gleiche Fahrt aufgenommen. Die vergangenen Monate haben sehr deutlich gemacht, dass Krisenbewältigung allein noch keine Lösung für die anstehenden Probleme darstellt. Reaktive Schadensbegrenzung reicht nicht. Dieses Land hat grundsätzliche Hausaufgaben zu machen, die weit über die Finanzkrise hinausreichen. Und wenn es uns nicht gelingt, gemeinsam die Motivation für die notwendigen Aufbauprozesse weiter wachsen zu lassen, dann wird es eng.</p>
<p><em>Und wie kann dieser Aufbruch gelingen?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Der Königsweg zum Herzen der Deutschen ist eine glaubwürdige Antwort auf die Frage nach dem Warum? Wir brauchen eine übergeordnete Sinnstiftung als emotionalen Anreiz für die erforderliche Aufbauleistung. Alle von uns erhobenen Daten belegen, dass die grundlegende Bereitschaft in der Bevölkerung wächst, sich zu engagieren und Energie zu investieren. Es geht den Menschen inzwischen wieder mehr um Glück, als darum, nur Spaß zu haben. Die Einsicht nimmt zu, dass Glück erst entsteht, wenn man sich um etwas bemüht: „Bergab fahren ist leicht und macht Spaß; sich bergauf zu quälen, kostet Kraft und Überwindung, aber es macht glücklich.“ Wir brauchen allerdings einen intensiven Diskurs, um die Richtung, die wir gemeinsam einschlagen wollen, zu bestimmten: In was für einem Land wollen wir leben? Welche Rolle soll Deutschland in Zukunft in der Welt spielen? Die Bevölkerung artikuliert ihr Bedürfnis nach Sinnstiftung immer klarer, aber die Politik vermeidet es bislang, sich auf den dringend notwendigen ergebnisoffenen Such- und Denkprozess einzulassen. Man möchte nicht provozieren oder provoziert werden. In einer komplexen Welt ist der Allgemeinplatz halt der einzige Ort, an dem es ohne Risiko möglich ist, Mehrheiten zu treffen. Ich denke, dass die Strategie der Farblosigkeit und des Abschleifens oder Ignorierens stimulierender Widersprüche, hochproblematisch ist. Bei der Bundestagswahl 2009 scheuen die Parteien weitgehend davor zurück, sich einen Wahl-„Kampf“ zu liefern. Was der Politik nicht klar zu sein scheint, ist, dass sich mit dem Internet die Möglichkeit eröffnet, Massenbewegungen ohne den Rückgriff auf die klassischen Wege entstehen zu lassen. Man kann heute Mengen von Menschen mobilisieren, ohne die Macht der Straße wach zu rufen oder sich auf den langen Marsch durch die Institutionen zu begeben. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten aktivieren auf eine durchaus produktive Art. Die Virtualität des Internet öffnet Wege der Beteiligung am realen Leben, die völlig unerwartet und plötzlich enorme Kräfte entfalten können. Die Piratenpartei ist ein anschauliches Beispiel dafür: Ich glaube nicht, dass die außerparlamentarische Mobilisierung größerer Menschenmengen heute noch über die Straße passieren muss. Mit den neuen Medien lassen sich durchaus Mehrheiten jenseits der gesellschaftlichen Mitte formieren. Die Regeln der Demokratie werden gerade neu geschrieben und ich hoffe, dass die politischen Entscheidungsträger in der Lage sind, mit dieser Dynamik Schritt zu halten.</p>
<p><em>Aber was ist mit denen, die nicht mit diesen neuen Medien aufgewachsen sind?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse: </strong>Die Älteren holen gewaltig auf. Sie werden zwar vielleicht nicht so selbstverständlich und intuitiv wie die „Digital Natives“ mit den neuen Medien umgehen, aber auch immer mehr ältere Menschen haben ein Interesse daran, die neuen Handlungsräume für sich zu erschließen. Die Zahl der Internetnutzer wächst nirgends so rasant wie in der Generation 50plus. Das liegt auch daran, dass diese Generation verstanden hat, dass es hier nicht einfach nur um Spaß, sondern um substanzielle Dinge geht und dass der virtuelle Raum des Internets eine Erweiterung ihrer Lebensmöglichkeiten beinhaltet, die gerade im Alter hochinteressant ist.</p>
<p>Über alle Generationen hinweg gibt es ein Bedürfnis, sich einzubringen und sinnstiftende Lebensräume zu schaffen. Es gibt nur unterschiedliche Wege, das zu tun. Wohlhabende ältere Menschen denken heute nicht zufällig immer häufiger über Stiftungen nach. Sie wollen ihr Kapital in einen Sinnkontext einbringen. Und junge Menschen denken darüber nach, ob sie einen Flashmob organisieren. – Das sind unterschiedliche Wege, aber es geht um das gleiche Bedürfnis. Man versteht sich vielleicht nicht auf der Ebene der Werkzeuge, aber die Motivationslage ist gleich. Was sich hier abzeichnet, ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die unabhängig von der Perspektive einzelner Generationen ist.</p>
<p><em>Was bedeutet das für die Politik?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Das Grundproblem der Politik ist das Erzeugen von Mehrheiten, zumindest in demokratischen Kontexten. Ich glaube, dass es bei den sich ändernden Wertemustern und den gegebenen Kommunikationsformen möglich sein wird, Mehrheiten jenseits der klassischen Mitte zu generieren. Das zeigt sich an der Piratenpartei. Sie ist eine monothematische Partei, die einfach nur Freiheit im Internet will. Aber wenn man heute einen Resonanzpunkt trifft, der bei einer Vielzahl von Menschen vorhanden ist, bekommt man über die Aufschaukelungsmöglichkeit im Netz eine enorme Reaktionsgeschwindigkeit. Nehmen Sie nur das Beispiel der jungen Frau, die eine Onlinepetition gegen Internetsperren geschrieben hat – In kürzester Zeit hatten 55.000 Menschen diese Petition unterzeichnet. Durch das Netz ist aus einem spontanen Einfall plötzlich ein Riesenereignis geworden. Wer solche Resonanzpunkte trifft, bekommt einen enormen Rückenwind und kann mit sehr wenig Aufwand sehr viel erreichen. In der Demokratie suchen alle Parteien die Mitte, weil sie hoffen, so die Mehrheit hinter sich zu bekommen. Durch die eben beschriebenen Mechanismen entsteht Masse jedoch unabhängig von der gesellschaftlichen Mitte, nämlich durch Resonanzfähigkeit über alle Gruppen und Lager hinweg. Auf diese Weise kann man politische Mehrheiten erzeugen, die nicht mehr von der Mitte getragen sind.</p>
<p><em>Wenn das tatsächlich so funktioniert, wenn es nur den einen Resonanzpunkt braucht – wozu brauche ich dann noch Parteien, die in ihrer Ausrichtung und ihrem Programm immer nach der Mitte streben?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Weil man Politik nicht ausschließlich über spontane Themendrifts machen kann. Die Gefahr ist zu groß, dass die dringend notwendige Nachhaltigkeit im System verloren geht. Am Ende hätten wir nur noch Politiker vom Schlage eines Ronald Schill oder Pim Fortuyn. Parteiorganisation ist ein stabilisierender Faktor. Wenn die Parteien begreifen würden, dass sie keine Mittelmeinung mehr repräsentieren müssen, um Mehrheiten zu gewinnen, sondern dass es darum geht, die Resonanzmuster der Menschen zu verstehen, dann würde das eine Menge bewegen. Doch das setzt eine Veränderung in der politischen Kultur und in den Köpfen der Parteistrategen voraus. Je weniger man versteht, was die Menschen bewegt, desto mehr wird versucht, möglichst den kleinsten gemeinsamen Nenner zu treffen. Die Folge ist, dass die Menschen sich immer deutlicher über die Profillosigkeit der Politiker beklagen. Die Alternative heißt, mit Einfühlungsvermögen für die kollektiven Werte der Gesellschaft zu arbeiten. Der Versuch, die Mitte zu treffen, nützt nicht mehr und die statistisch orientierte Demoskopie hat ausgedient. Die Sonntagsfrage erweist sich zunehmend als unzureichendes Steuerungskriterium.  Die Bevölkerung hat sich ausdifferenziert, und wenn sich die Politik mit ihren Wahrnehmungsmechanismen nicht genauso ausdifferenziert, wird sie merken, dass ihr die Mehrheiten weg brechen. Der Schwund der Stammwähler bei den Volksparteien findet nicht trotz, sondern wegen des Versuches statt, Partei der Mitte zu sein. Wenn die Parteien nicht lernen, die Resonanzmuster der Gesellschaft besser zu verstehen, bekommen wir ein riesiges Demokratieproblem.</p>
<p><em>Das könnte man jetzt auch als flammende Bewerbungsrede verstehen – denn wie könnten die Parteien das besser machen als mit Ihrem Analysesystem?</em></p>
<p><em></em><strong>Kruse:</strong> Es ist mir schlicht egal, ob und wann sich Politik entscheidet, unser für die Messung solcher Resonanzmuster entwickeltes Interviewverfahren einzusetzen. Nicht egal ist mir, wie groß die Bereitschaft der Politik ist, sich endlich wieder unvoreingenommen den Wertepräferenzen und Erwartungshaltungen der Menschen in unserem Land zu widmen. Das politische Personal ist mitunter so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es anscheinend glaubt, den Wähler nicht mehr zu brauchen – oder nur noch alle vier Jahre für die eigene Wahl. Der Politik passiert derzeit das Gleiche wie den Automobilherstellern: Die sind derartig in ihrer Idee vom technisch perfekten Auto verfangen, dass sie grundlegende Änderungen in der Bedürfnislage der Kunden nicht registriert haben. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Viele Parteien erwecken heute den Eindruck, dass sie davon überzeugt sind, besser als der Wähler zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Aber wer sich derart von den Wählern entfernt, höhlt den Gedanken der repräsentativen Demokratie aus. Er erzeugt bei der Bevölkerung ein wachsendes Desinteresse und in der Folge vielleicht sogar tatsächlich eine zunehmende Unfähigkeit gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu verstehen. Wir brauchen wieder eine echte Neugier des Politikers auf den Bürger, kein taktisches Interesse, das den Bürger in erster Linie als Stimmgeber betrachtet. Wenn wieder ein lebendiger Austauschprozess auf Augenhöhe zustande kommt, wenn Parteien und Bürger sich wieder schutzlos und interessiert aufeinander einlassen können, haben wir Grund zu Optimismus. Die Intelligenz in unserem Land ist hoch. Hoch genug jedenfalls, um neuen Beteiligungsformen eine realistische Chance einzuräumen. Stellen wir uns vor, es ist Wahl und keiner kommt.</p>
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