Interviews - Written by ulrike reinhard on Montag, September 7, 2009 16:23 - 0 Comments
Was ist, wenn Wahl ist – und keiner kommt?
Das Gespräch für Uptown führte Astrid Hackenesch-Rump, September 2009

Herr Kruse, Sie haben vor kurzem die Wertevorstellungen der Deutschen erforscht. Wie tickt dieses Land?
Peter Kruse: Das Land befindet sich mitten in einem Turnaround seiner Wertemuster. Die Menschen waren jahrelang zu stark auf persönlichen Spaß und Maximierung ihrer eigenen Möglichkeiten bedacht; alles sollte gut, günstig und bequem sein. Jetzt merken sie, dass diese Tendenz begonnen hat, sich gegen sie zu wenden, da die sich breit machende Discount-Mentalität letztendlich dazu geführt hat, die Reichhaltigkeit der Kultur zu verringern. Alles scheint trivialer und gleichförmiger geworden zu sein. Der Eindruck eines zunehmenden Substanzverlustes drängt sich auf.
Das klingt nach der alten Klage „früher war alles besser“.
Kruse: Sicher, so kann man das interpretieren. Aber es ist zu kurz gegriffen, aus einer aktuellen Problemwahrnehmung zu schließen, dass die Menschen glauben, dass früher alles besser war. Darum geht es hier auch gar nicht. Die Menschen empfinden einfach die Notwendigkeit, dem kontinuierlichen Kulturabbau der vergangenen Jahre einen bewussten kulturellen Aufbauprozess entgegenzusetzen. Es entsteht so etwas wie eine langsam anwachsende Aufbruchstimmung. Und zwar eine sehr kritische, reflektierte Aufbruchstimmung, die sich deutlich von der unter dem Motto „Yes we can“ stehenden Hurra-Stimmung in den USA unterscheidet.
Schon allein, weil uns dazu das Personal fehlt.
Kruse: Ja, und zwar nicht nur das Personal, das charismatisch auf dem Podium steht und mitreißt, sondern auch das Personal, das unten steht und sich unkompliziert entflammen lässt. Derartig einfach gestrickte emotionale Resonanzen funktionieren hier nicht. Der Begeisterungsfaktor muss in Deutschland sehr viel differenzierter sein als in den USA. Aber es gibt bei uns offenkundig ein wachsendes Bedürfnis, sich auf eine neue, direktere Art zu beteiligen und über die Pflichten als Wähler hinaus Verantwortung zu übernehmen. Es geht den Menschen um aktive Zukunftsgestaltung. Wenn die Politik in der Lage wäre, diese keimende Resonanzbereitschaft der Bevölkerung angemessen aufzugreifen, einfach etwas genauer hinzuschauen und zuzuhören, könnten wir schon sehr viel bewegen.
Gibt es jemanden, der das derzeit gut macht?
Kruse: Als Frank-Walter Steinmeier seinen Deutschland-Plan der Öffentlichkeit vorstellte, war ich in Berlin dabei. Er hat wenigstens versucht, so etwas wie eine Vision zu skizzieren und nach vorne zu schauen, um zu sagen: „Mensch Leute, wir haben schon einmal ein Wirtschaftswunder zustande gebracht. Wer sagt eigentlich, dass alles nur schlechter wird?“ Doch hierzulande – und da sind wir wieder beim großen Unterschied zwischen Deutschland und Amerika – wird jemand, der einen großen Spannungsbogen zwischen Wunsch und Wirklichkeit aufspannt, in den Medien schnell als Fantast gebrandmarkt. Das ist eine typisch deutsche Reaktion: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Eine Vision ist kein Ziel. Visionen sollte man nicht daran messen, ob sie aus aktueller Sicht erreichbar erscheinen, sondern daran, ob sie faszinierend genug sind, um sich heute auf den Weg zu machen.
Ist die Finanzkrise vielleicht eine Art Katalysator für diese Aufbruchstimmung, für das Bewusstsein, dass sich etwas grundsätzlich ändern muss?
Kruse: Auch ohne die Wirtschaftskrise hätte der sich abzeichnende Wandel in den Werten und Einstellungen der Menschen wahrscheinlich begonnen – aber vermutlich hätte er nicht die gleiche Fahrt aufgenommen. Die vergangenen Monate haben sehr deutlich gemacht, dass Krisenbewältigung allein noch keine Lösung für die anstehenden Probleme darstellt. Reaktive Schadensbegrenzung reicht nicht. Dieses Land hat grundsätzliche Hausaufgaben zu machen, die weit über die Finanzkrise hinausreichen. Und wenn es uns nicht gelingt, gemeinsam die Motivation für die notwendigen Aufbauprozesse weiter wachsen zu lassen, dann wird es eng.
Und wie kann dieser Aufbruch gelingen?
Kruse: Der Königsweg zum Herzen der Deutschen ist eine glaubwürdige Antwort auf die Frage nach dem Warum? Wir brauchen eine übergeordnete Sinnstiftung als emotionalen Anreiz für die erforderliche Aufbauleistung. Alle von uns erhobenen Daten belegen, dass die grundlegende Bereitschaft in der Bevölkerung wächst, sich zu engagieren und Energie zu investieren. Es geht den Menschen inzwischen wieder mehr um Glück, als darum, nur Spaß zu haben. Die Einsicht nimmt zu, dass Glück erst entsteht, wenn man sich um etwas bemüht: „Bergab fahren ist leicht und macht Spaß; sich bergauf zu quälen, kostet Kraft und Überwindung, aber es macht glücklich.“ Wir brauchen allerdings einen intensiven Diskurs, um die Richtung, die wir gemeinsam einschlagen wollen, zu bestimmten: In was für einem Land wollen wir leben? Welche Rolle soll Deutschland in Zukunft in der Welt spielen? Die Bevölkerung artikuliert ihr Bedürfnis nach Sinnstiftung immer klarer, aber die Politik vermeidet es bislang, sich auf den dringend notwendigen ergebnisoffenen Such- und Denkprozess einzulassen. Man möchte nicht provozieren oder provoziert werden. In einer komplexen Welt ist der Allgemeinplatz halt der einzige Ort, an dem es ohne Risiko möglich ist, Mehrheiten zu treffen. Ich denke, dass die Strategie der Farblosigkeit und des Abschleifens oder Ignorierens stimulierender Widersprüche, hochproblematisch ist. Bei der Bundestagswahl 2009 scheuen die Parteien weitgehend davor zurück, sich einen Wahl-„Kampf“ zu liefern. Was der Politik nicht klar zu sein scheint, ist, dass sich mit dem Internet die Möglichkeit eröffnet, Massenbewegungen ohne den Rückgriff auf die klassischen Wege entstehen zu lassen. Man kann heute Mengen von Menschen mobilisieren, ohne die Macht der Straße wach zu rufen oder sich auf den langen Marsch durch die Institutionen zu begeben. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten aktivieren auf eine durchaus produktive Art. Die Virtualität des Internet öffnet Wege der Beteiligung am realen Leben, die völlig unerwartet und plötzlich enorme Kräfte entfalten können. Die Piratenpartei ist ein anschauliches Beispiel dafür: Ich glaube nicht, dass die außerparlamentarische Mobilisierung größerer Menschenmengen heute noch über die Straße passieren muss. Mit den neuen Medien lassen sich durchaus Mehrheiten jenseits der gesellschaftlichen Mitte formieren. Die Regeln der Demokratie werden gerade neu geschrieben und ich hoffe, dass die politischen Entscheidungsträger in der Lage sind, mit dieser Dynamik Schritt zu halten.
Aber was ist mit denen, die nicht mit diesen neuen Medien aufgewachsen sind?
Kruse: Die Älteren holen gewaltig auf. Sie werden zwar vielleicht nicht so selbstverständlich und intuitiv wie die „Digital Natives“ mit den neuen Medien umgehen, aber auch immer mehr ältere Menschen haben ein Interesse daran, die neuen Handlungsräume für sich zu erschließen. Die Zahl der Internetnutzer wächst nirgends so rasant wie in der Generation 50plus. Das liegt auch daran, dass diese Generation verstanden hat, dass es hier nicht einfach nur um Spaß, sondern um substanzielle Dinge geht und dass der virtuelle Raum des Internets eine Erweiterung ihrer Lebensmöglichkeiten beinhaltet, die gerade im Alter hochinteressant ist.
Über alle Generationen hinweg gibt es ein Bedürfnis, sich einzubringen und sinnstiftende Lebensräume zu schaffen. Es gibt nur unterschiedliche Wege, das zu tun. Wohlhabende ältere Menschen denken heute nicht zufällig immer häufiger über Stiftungen nach. Sie wollen ihr Kapital in einen Sinnkontext einbringen. Und junge Menschen denken darüber nach, ob sie einen Flashmob organisieren. – Das sind unterschiedliche Wege, aber es geht um das gleiche Bedürfnis. Man versteht sich vielleicht nicht auf der Ebene der Werkzeuge, aber die Motivationslage ist gleich. Was sich hier abzeichnet, ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die unabhängig von der Perspektive einzelner Generationen ist.
Was bedeutet das für die Politik?
Kruse: Das Grundproblem der Politik ist das Erzeugen von Mehrheiten, zumindest in demokratischen Kontexten. Ich glaube, dass es bei den sich ändernden Wertemustern und den gegebenen Kommunikationsformen möglich sein wird, Mehrheiten jenseits der klassischen Mitte zu generieren. Das zeigt sich an der Piratenpartei. Sie ist eine monothematische Partei, die einfach nur Freiheit im Internet will. Aber wenn man heute einen Resonanzpunkt trifft, der bei einer Vielzahl von Menschen vorhanden ist, bekommt man über die Aufschaukelungsmöglichkeit im Netz eine enorme Reaktionsgeschwindigkeit. Nehmen Sie nur das Beispiel der jungen Frau, die eine Onlinepetition gegen Internetsperren geschrieben hat – In kürzester Zeit hatten 55.000 Menschen diese Petition unterzeichnet. Durch das Netz ist aus einem spontanen Einfall plötzlich ein Riesenereignis geworden. Wer solche Resonanzpunkte trifft, bekommt einen enormen Rückenwind und kann mit sehr wenig Aufwand sehr viel erreichen. In der Demokratie suchen alle Parteien die Mitte, weil sie hoffen, so die Mehrheit hinter sich zu bekommen. Durch die eben beschriebenen Mechanismen entsteht Masse jedoch unabhängig von der gesellschaftlichen Mitte, nämlich durch Resonanzfähigkeit über alle Gruppen und Lager hinweg. Auf diese Weise kann man politische Mehrheiten erzeugen, die nicht mehr von der Mitte getragen sind.
Wenn das tatsächlich so funktioniert, wenn es nur den einen Resonanzpunkt braucht – wozu brauche ich dann noch Parteien, die in ihrer Ausrichtung und ihrem Programm immer nach der Mitte streben?
Kruse: Weil man Politik nicht ausschließlich über spontane Themendrifts machen kann. Die Gefahr ist zu groß, dass die dringend notwendige Nachhaltigkeit im System verloren geht. Am Ende hätten wir nur noch Politiker vom Schlage eines Ronald Schill oder Pim Fortuyn. Parteiorganisation ist ein stabilisierender Faktor. Wenn die Parteien begreifen würden, dass sie keine Mittelmeinung mehr repräsentieren müssen, um Mehrheiten zu gewinnen, sondern dass es darum geht, die Resonanzmuster der Menschen zu verstehen, dann würde das eine Menge bewegen. Doch das setzt eine Veränderung in der politischen Kultur und in den Köpfen der Parteistrategen voraus. Je weniger man versteht, was die Menschen bewegt, desto mehr wird versucht, möglichst den kleinsten gemeinsamen Nenner zu treffen. Die Folge ist, dass die Menschen sich immer deutlicher über die Profillosigkeit der Politiker beklagen. Die Alternative heißt, mit Einfühlungsvermögen für die kollektiven Werte der Gesellschaft zu arbeiten. Der Versuch, die Mitte zu treffen, nützt nicht mehr und die statistisch orientierte Demoskopie hat ausgedient. Die Sonntagsfrage erweist sich zunehmend als unzureichendes Steuerungskriterium. Die Bevölkerung hat sich ausdifferenziert, und wenn sich die Politik mit ihren Wahrnehmungsmechanismen nicht genauso ausdifferenziert, wird sie merken, dass ihr die Mehrheiten weg brechen. Der Schwund der Stammwähler bei den Volksparteien findet nicht trotz, sondern wegen des Versuches statt, Partei der Mitte zu sein. Wenn die Parteien nicht lernen, die Resonanzmuster der Gesellschaft besser zu verstehen, bekommen wir ein riesiges Demokratieproblem.
Das könnte man jetzt auch als flammende Bewerbungsrede verstehen – denn wie könnten die Parteien das besser machen als mit Ihrem Analysesystem?
Kruse: Es ist mir schlicht egal, ob und wann sich Politik entscheidet, unser für die Messung solcher Resonanzmuster entwickeltes Interviewverfahren einzusetzen. Nicht egal ist mir, wie groß die Bereitschaft der Politik ist, sich endlich wieder unvoreingenommen den Wertepräferenzen und Erwartungshaltungen der Menschen in unserem Land zu widmen. Das politische Personal ist mitunter so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es anscheinend glaubt, den Wähler nicht mehr zu brauchen – oder nur noch alle vier Jahre für die eigene Wahl. Der Politik passiert derzeit das Gleiche wie den Automobilherstellern: Die sind derartig in ihrer Idee vom technisch perfekten Auto verfangen, dass sie grundlegende Änderungen in der Bedürfnislage der Kunden nicht registriert haben. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Viele Parteien erwecken heute den Eindruck, dass sie davon überzeugt sind, besser als der Wähler zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Aber wer sich derart von den Wählern entfernt, höhlt den Gedanken der repräsentativen Demokratie aus. Er erzeugt bei der Bevölkerung ein wachsendes Desinteresse und in der Folge vielleicht sogar tatsächlich eine zunehmende Unfähigkeit gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu verstehen. Wir brauchen wieder eine echte Neugier des Politikers auf den Bürger, kein taktisches Interesse, das den Bürger in erster Linie als Stimmgeber betrachtet. Wenn wieder ein lebendiger Austauschprozess auf Augenhöhe zustande kommt, wenn Parteien und Bürger sich wieder schutzlos und interessiert aufeinander einlassen können, haben wir Grund zu Optimismus. Die Intelligenz in unserem Land ist hoch. Hoch genug jedenfalls, um neuen Beteiligungsformen eine realistische Chance einzuräumen. Stellen wir uns vor, es ist Wahl und keiner kommt.
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